Der verschüttete Bergmann

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Till
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Der verschüttete Bergmann

Beitrag von Till » Mo. 13. Feb 12 11:58

Vor langer Zeit gruben bei der im Würmtal liegenden Burgruine Liebeneck Bergleute nach Erz. Nach Feierabend verließen sie miteinander den tiefen Stollen, um sich in den stehengebliebenen Burggewölben von des Tages Mühe auszuruhen. Eines Abends bemerkten sie mit Schrecken, dass einer aus ihrer Reihe fehlte, der alte Bergmann Christoph. Hatte er sich im Wald verirrt, lauschte er noch dem Sang der Vögel oder suchte er etwa nach Pilzen? Er war ja immer ein Sonderling gewesen, der bärtige Alte. So würde er gewiß auch morgen früh wieder bei ihnen sein und vielleicht eine seiner wunderlichen Geschichten erzählen. In Wirklichkeit aber lag Christoph schwer verletzt im Bergwerksstollen. Ein großer Stein hatte sich unversehens aus der Wand gelöst und ihm beim Verlassen des Ganges den Fuß zerquetscht. Plötzlich schreckte er auf. Er hörte ein Wispern und Flüstern und sah einen Lichtschein durch das Gestein huschen. Mit letzter Kraft und unter unsäglichen Schmerzen kroch der Alte dem geheimnisvollen Licht entgegen. Er traute seinen Augen nicht, als er durch einen Felsspalt in einen erleuchteten Raum blickte, ausgestattet mit Hellebarden, Spießen, blinkenden Schilden und schweren, eisenbeschlagenen Kisten. An einem langen Tisch saßen Wichtelmänner vertieft in alte Folianten. Die Lesestunde war gerade zu Ende, und die Bücher wurden sorgsam in den Truhen verstaut.
Auf einmal erinnerte sich der alte Christoph daran, dass bei der Zerstörung der Burg die Zwerge manches aus den Flammen geborgen haben sollen, Gold- und Silbergerät, Waffen und Bücher. Während er staunend dem emsigen Treiben der Zwerge zuschaute, ertönte plötzlich der Ruf: „wir werden beobachtet!“
Das Licht erlosch, und in tiefschwarzer Nacht musste der alte Christoph warten, bis ihn die Kameraden am nächsten Morgen aus seiner schlimmen Lage befreiten.

Nach Robert Künzig, Pforzheim

Aus: „Sagen und Schwänke vom Schwarzwald“, Max Rieple
wer mit offenen Augen wandert kann in einem Sandkorn das Universum erkennen

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